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HEKS – unser Hilfswerk

Franz Schüle erzählt und veranschaulicht ein Stück Geschichte des HEKS, welche er als Mitarbeiter und Zentralsekretär während Jahren mitgeprägt hat. Die Geschichte des HEKS ist auch die Geschichte der reformierten Kirchen der Schweiz und des Kirchenbundes. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet setzt sich das HEKS durch seine Mitarbeitenden und Partnerorganisationen weltweit ein für Hoffnung und Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben. Das HEKS arbeitet im Auftrag der Kirchen und in ihrem Namen. Aber als Hilfswerk, welches rasch und flexibel nach professionellen Kriterien handelt, muss es auch unabhängig sein. Das ist eine Gratwanderung, die nicht immer konfliktlos verlief. Franz Schüle ist es gelungen, die beiden, Kirchen und Hilfswerk, zusammen zu denken und den gemeinsamen Auftrag nicht aus den Augen zu verlieren.

Das HEKS hat sich in vielen Ländern einen hervorragenden Ruf erworben. Im Ausland unterwegs im Auftrag des Kirchenbundes und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa wurde ich immer wieder angesprochen auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Schweizer Hilfswerk in der Aufbauhilfe, der Flüchtlingsarbeit oder der zwischenkirchlichen Zusammenarbeit. Es ging und geht dabei immer um den konkreten Menschen, um seine Geschichte und seine Lebensmöglichkeiten auch in den grossen politischen Zusammenhängen. Davon erzählt Franz Schüle und er macht Mut, uns auch in Zeiten von Resignationen mancher Art, weiter einzusetzen für unser HEKS.

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Gedruckt mit freundlicher Unterstützung von HEKS – Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz, der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen sowie der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung:Simone Ackermann, unter Verwendung einer Fotografie von Jiři Vurma

Fotos: HEKS-Fotoarchiv

Karte Osteuropa: HerzogDesign, Zürich

ISBN 978-3-290-17751-5 (Buch)
ISBN 978-3-290-17797-3 (E-Book)

|XX| Seitenzahlen des E-Books verweisen auf die gedruckte Ausgabe.

© 2013 Theologischer Verlag Zürich
www.tvz-verlag.ch

Alle Rechte vorbehalten

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HEKS-Geschichten

An einem Winterabend in den späten achtziger Jahren folge ich der Einladung einer Kirchgemeinde im Kanton Solothurn. Ein Vortrag über die Situation der Kirchen in der Tschechoslowakischen Republik ist angezeigt. Ich habe mich ordentlich vorbereitet, ein Magazin mit Dias gefüllt. Erst kurz vor dem Vortrag realisiere ich, dass ich das Diamagazin im Zug vergessen habe. Ich muss versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und so bildhaft wie nur möglich zu erzählen: mit Anekdoten, Bildbeschreibungen, Porträts von Personen. Es sei spannend und anschaulich gewesen, sagen mir die Leute nachher. Ich habe damals endgültig begriffen: Was HEKS, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz, ist, lässt sich am besten mit Erzählen vermitteln. Das hat mich auch ermutigt, dieses Buch zu schrei­ben. Ich berichte darin von meinen Begegnungen, Erfahrungen und Einsichten: Persönlich gefärbte Geschichten aus meiner Arbeit bei HEKS.

Wer mehr und Systematischeres sucht, findet dies im kurzen geschichtlichen Überblick über die letzten 68 Jahre des Werks auf der Website von HEKS. Zum 40-Jahr-Jubiläum von HEKS hatte Pfarrer Hans Schaffert, Zentralsekretär von 1968 bis 1984, eine informative Broschüre über die HEKS-Geschichte1 verfasst.

Ich hatte die grosse Chance, von 1982 bis 2007 bei HEKS zu arbeiten, vorerst als Verantwortlicher für die zwischenkirchliche Hilfe in Europa, mit Schwerpunkt im Osten. Ab 1990 wurde die Europaarbeit ganz neu ausgerichtet; Nothilfe, vor allem in Ex-Jugoslawien, und Aufbauhilfe in den Ländern Mitteleuropas wurden bestimmend. Mein Beruf hatte sich durch die politischen Entwicklungen stark verändert. Als ich 1982 meine Arbeit bei HEKS als Osteuropa-Sekretär begann, kam ich aus der Dritt-Welt-Bewegung. Manche Freunde verstanden meinen Schritt, vor dem ich selber etwas gezögert hatte, nicht: Von der grossen weiten Welt, von den relevanten Herausforderungen eines gerechteren Welthandels, zukunftsweisender Entwicklungszusammenarbeit und von der «Theologie der Befreiung», wie sie vor allem in Lateinamerika formuliert wurde, in die vermeintliche Langeweile kirchlicher Zusammenarbeit mit zurückgebliebenen Kirchgemeinden und konservativen Theologen. Dies alles im Umfeld des Kalten Krieges, voller Fallstricke und politischer Missverständnisse. Einige machten mir Mut, ich würde in dieser Arbeit viel über ökumenische Zusammenarbeit lernen, Neues erfahren und vor allem würde ich spannende und engagierte Menschen und Kirchen erleben. Sie sollten Recht behalten; ich habe meinen Schritt nie |10| bereut. Als Verantwortlicher für Europa machte ich bewegende Erfahrungen, ich erlebte glückliche und tieftraurige Ereignisse der Geschichte Europas nah mit, an Weihnachten 1989 in Rumänien nach dem Sturz Ceauşescus, oder in den neunziger Jahren die Tragödien beim Auseinanderbrechen von Jugoslawien. Von 1998 bis 2007 leitete ich das HEKS als Zentralsekretär. Die Projekte im Inland, in der Nothilfe und die Programme der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigten mich nun vordringlich, aber auch Management-Probleme im Gesamt-HEKS, Kommunikation, Unternehmenskultur, Finanzen.

So erlebte ich drei sehr unterschiedliche berufliche Phasen bei HEKS und gewann dabei jeweils neue Erfahrungen und Einsichten. Von diesen unterschiedlichen Erfahrungswelten will ich berichten, aber auch davon, dass HEKS bei aller Verschiedenheit, bei allen neuen Herausforderungen durch die ganze Zeit dasselbe geblieben ist, ein Hilfswerk mit klaren Grundwerten und Zielen. Zwei meiner drei Phasen bei HEKS gehörten Europa. Die sich daraus ergebende Europalastigkeit der vorliegenden Berichte ist Spiegel meiner Erlebnisse, keinesfalls aber eine Art Wertung der HEKS-Tätigkeitsfelder.

Ich danke ganz herzlich allen, die mich beim Schrei­ben unterstützt haben: Mein langjähriger Kollege und Freund Andreas Hess hat mit mir den Text korrigiert, sprachlich und inhaltlich. Die ehemalige Informationsbeauftragte von HEKS, Tildy Hanhart, Walter Wolf (ehem. Evangelischer Pressedienst), Phi­lippe Dätwyler von der Zürcher Kirche und René Marthaler haben die Entwürfe in verschiedenen Stadien durchgelesen, manches richtiggestellt und viele wertvolle Hinweise gegeben. Und ich danke all jenen, die mit mir im HEKS unterwegs waren, meinen Vorgesetzten sowie Kolleginnen und Kollegen. Manche sind in diesem Buch in einer Geschichte erwähnt; sie haben mir auch zusätzliche Informationen zukommen lassen. Andere werden nicht genannt, obwohl sie ebenso Wichtiges für HEKS geleistet haben. Meine Assistentin Barbara Schläpfer hat mich jahrelang unterstützt. Die Kolleginnen im Personaldienst, in der Finanzabteilung oder in der Kommunikation ermöglichten und ermöglichen im Hintergrund die Arbeit.

Ich danke dem TVZ Theologischen Verlag Zürich für die Aufnahme des Buchs in sein Programm und insbesondere auch der Lektorin Corinne Auf der Maur für ihre sorgfältige Arbeit. Ebenso gilt mein Dank der Grafikerin und Setzerin Claudia Wild und Ruedi Lüscher vom HEKS für die Begleitung der Bildgestaltung. Schliesslich danke ich den Evangelisch-reformierten Kirchen St. Gallen und Zürich sowie dem HEKS für ihre Druckkostenbeiträge.

Immer wieder hat mich auch meine Frau Margret Schüle-Borter begleitet, befragt und unterstützt.

Franz Schüle

Hinterfragen und Handeln

Ein Vierteljahrhundert HEKS-Geschichte[n]

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Inhalt

Umschlag

Titel

Impressum

Inhalt

HEKS – unser Hilfswerk

HEKS-Geschichten

Rumänien

Die Revolution von 1989

Vor 1989: Im Land des «Genies der Karpaten»

Kirchen und Religionsgemeinschaften in Rumänien

Nach 1989: Von der Not- zur Aufbauhilfe

Jugoslawien

Vom Rauchzeichen …

… zum Grossbrand

Die Jugoslawienkriege

Konkrete Hilfsaktionen

Exkurs: Über Grenzen

Ungarn

Kirche im Gulasch-Kommunismus

Nach der Wende: Neue Möglichkeiten, neue Probleme

Sowjetunion

Der Start in Armenien

Reformierte in der Ukraine

Exkurs: Wir sollten einmal die Stühle tauschen – Casa Locarno 1947–2002

Von der Flüchtlingshilfe zur Integrationsarbeit

Flüchtlinge und Asylsuchende

Vom Flüchtlingsdienst zum Inlandauftrag

Im Süden

Indien – ein Schwerpunktland

Philippinen – Landlose büffeln Jura

Wasserprobleme in Äthiopien

Bittere Erfahrung im Niger

HEKS in Katastrophen

Der Tsunami

Der Wirbelsturm Mitch

HEKS – ein Werk der Kirche

Von Glauben und Glaubwürdigkeit

Aus der Geschichte von HEKS

Hinterfragen und Handeln – das politische HEKS

Handeln und Wirken

Karte

Fussnoten

Seitenverzeichnis |6|

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Rumänien

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Die Revolution von 1989

Ein Hilfstransport zwischen zwei Zeiten

Rumänien, 27. Dezember 1989. Unsere Kolonne mit fünf Lastwagen fährt im milden Winterlicht durch die Schluchten und Talsenken der Westkarpaten von Oradea2, der rumänischen Stadt an der Grenze zu Ungarn, nach Cluj-Napoca3 (un­­garisch: Kolozsvár, deutsch: Klausenburg). Es geht um einen Hilfstransport. Die Fahrt braucht Geduld. Obwohl als europäi­sche Fernstrecke verzeichnet, ist die Strasse an vielen Stellen beschädigt, einseitig eingebrochen oder ohne Hartbelag. Drum in lucru – Strassenbau: die Tafel ist fast allgegenwärtig, zuweilen kaum mehr lesbar, weil sie seit Jahren da steht. In den wenigen Dörfern und Kleinstädten, durch die wir fahren, ist die Armee unübersehbar. An den Strassenkreuzungen stehen Soldaten, die uns zusammen mit den Kindern am Strassenrand zuwinken und sich mit dem Victoryzeichen als begeisterte Anhänger der eben stattgefundenen Revolution zu erkennen geben. Wenn es denn eine Revolution gewesen ist. Überall rumänische Fahnen mit einem grossen Loch in der Mitte – das Symbol der verhassten kommunistischen Ceauşescu-Diktatur ist herausgeschnitten worden. Die Alten sitzen auf den Bänken vor den Häusern oder Hütten, eingepackt in ihre vielschichtigen Kleider, mit Kopftüchern und landesüblichen Pelzmützen. Als wären sie seit ewig hier, scheinen sie mit offensichtlichem Gleichmut ihre Skepsis zu demonstrieren: Die Dörfer und Hütten Rumäniens haben manches kommen und gehen sehen.

Wir kommen nur langsam voran, die Strassen sind mit vielen Gefährten verstopft, Lastwagen aus dem westlichen Ausland, Kleinlaster aus Ungarn und der Tschechoslowakei, Privatwagen aus aller Herren Länder, irgendwo auch ein offener Trabant, aufgefüllt bis übers Dach mit langen Broten, Sechspfündern aus dem westlichen Nachbarland. Rumänien ist in Not, braucht Hilfe, eine lange Kolonne quält sich durch die Karpaten. Das Ausland eilt in diesen Tagen Rumänien zu Hilfe.

Vor wenigen Tagen ist das Regime von Ceauşescu gestürzt worden. Rumänien ist eines der letzten mitteleuropäischen Länder, das den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes durchmacht, dramatischer auch und vor allem blutiger als in andern Ländern. Die Dezember-Ereignisse in Rumänien sind durch Demonstrationen und Widerstand in der westrumänischen Stadt Timişoara ausgelöst worden, verstärkt durch ein brutales Durchgreifen der Polizei |14|. Das hat in Siebenbürgen und Bukarest zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht geführt. Wohl ebenso entscheidend sind die Interventionen einer Führungsgruppe der kommunistischen Partei um Ion Iliescu gewesen, die den schäbigen Diktator endlich loswerden wollte, mit dem Ziel, das Regime und alle Privilegien durch die unruhigen Zeiten zu retten. Revolution, Volksaufstand oder Putsch – die Frage stellt sich in den Weihnachtstagen 1989 kaum. Gebannt haben wir die Nachrichten gehört von den ersten Demonstrationen bei der reformierten Kirche in Timişoara mit den sinnlosen Polizeieinsätzen, von den Schiessereien in Braşov und andern Städten Siebenbürgens und schliesslich von den Riesenkundgebungen in Bukarest/Bucureşti4 mit den Versuchen Ceauşescus, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Er befahl den Militäreinsatz, Universität, Nationalbibliothek und Strassenzüge brannten in der Hauptstadt – Verletzte, Tote. Nach dem Jahr des grossen Zusammenbruchs in Osteuropa, bei dem Regimes reihenweise weggefegt worden sind, kommt Rumänien gerade zur rechten Zeit: Die Berichterstattung bei uns wird schrill, angereichert mit bekannten Bildern, die sich in den Spätjahren des europäischen Kommunismus mit dem Karpatenland verbunden haben: Ungeheizte Wohnungen, marode Industrie, Hunger, eine unberechenbare Bevölkerung. Die blutige Revolution passt nach den mehr oder weniger friedlichen Umstürzen in Budapest, Berlin und Prag nur zu gut ins Bild, das sich Westeuropa von Rumänien, dem Lande Draculas, macht. Und: Wer will nicht dabei sein, berichten und helfen?

Zurück zu unserer Kolonne, einem gemeinsamen Transport der grossen Schweizer Hilfswerke, finanziert mit der Glückskette.5 Die fünf Lastwagen sind gefüllt mit Hilfsgütern aus der Schweiz. Ich kenne das Land von vielen früheren Reisen als Programmbeauftragter u. a. für Rumänien, habe Bekannte, vertrauenswürdige Partner und bin deshalb operativer Leiter des Transportes. Auch Jahre später sind mir fast alle Details jener Nachweihnachtstage präsent, als wäre es gestern gewesen. Die Tage liegen gleichsam am Kreuzungspunkt meiner Arbeit beim Hilfswerk. Vom Hilfstransport in jener denkwürdigen Altjahrwoche ausgehend kann ich meine ganzen Erfahrungen bei HEKS erzählen, vor und nach 1989, und den Bogen schlagen zu Erfahrungen, welche meine Kolleginnen und Kollegen oder unsere Partner gemacht haben.

Unser Transport macht einen ersten Zwischenhalt in Cluj, dem Verwaltungszentrum Siebenbürgens. Wir lassen die Lastwagen am späten Nachmittag |15| am Platz des 23. August6, der heutigen Piaţa Avram Iancu7, stehen. Der für den Kommunismus wichtige Augusttag musste dem glorreichen Kampf im neunzehnten Jahrhundert weichen: Daten und Namen gewinnen und verlieren ihre Bedeutung, Helden werden ausgewechselt, nur die Menschen mit ihren Hoffnungen und Bedürfnissen bleiben.

Mein Netz bewährt sich. Im Vereinigten Protestantisch-Theologischen Institut finde ich nach einigem Hin und Her einen Freund, Tamás Juhász, mit dem ich die Lage kurz bespreche. Ein seltsames Gefühl: Immer wieder hatte ich diese Institution besucht, Gespräche mit Professoren geführt, ein paar wenige mitgenommene Bücher den Freunden gebracht, Möglichkeiten des Protestes gegen die Zwangsmassnahmen des Regimes geprüft, alles mehr oder weniger heimlich, getarnt als Tourist und doch beobachtet von Leuten der Securitate, dem staatlichen Sicherheitsdienst mit seinem riesigen Spitzelsystem. Ich erinnere mich: Vor drei Jahren hatte einer des Nachts zwei ungarische Wörter an die Mauer des Institutes gepinselt – még élünk, noch leben wir. Das war das Stadtgespräch damals, man war voll Bewunderung für die nächtliche Aktion: Sarkasmus als verzweifelter Widerstand. Und jetzt sitze ich mit meinem Freund im Professorenzimmer, draussen ein paar schäbige Christbäume, auch das ein Novum, und vor allem zwei Panzer der rumänischen Armee, welche die Freiheit des Institutes zu verteidigen scheinen. Ich beginne zu verstehen, wie schwierig es für die Leute geworden ist. Können sie dem Umsturz trauen? Wer steckt hinter den Ereignissen? Was kommt nachher?

Wir werden uns bei der Besprechung rasch einig, dass es sinnvoll ist, trotz der einbrechenden Dämmerung mit dem Transport in die weiter entfernt liegende Stadt Târgu Mureş (früher: Tîrgu Mureş, ungarisch: Márosvásárhely) zu fahren. Die Stadt liegt etwas entfernter von den westlichen Ländern, es werden wohl weniger Transporte da sein, spekulieren wir. Der Freund übernimmt es, in Târgu Mureş den reformierten Dekan, den späteren Bischof Kálmán Csiha, per Telefon zu informieren und zu bitten, an einem genau festgelegten Ort beim Eingang in die Innenstadt auf uns zu warten. Er soll uns helfen, die Lastwagen mit der kostbaren Fracht an einen bewachten Ort in der Stadt zu bringen und anderntags dann die Verteilung zu organisieren. |16|

Turbulenzen der Nothilfe

Über die Fahrt durchs dunkle Land und die fast ebenso dunklen Dörfer und Städte ist kaum etwas zu berichten. Es sind eher die Irrlichter der heruntergekommenen Industrie und deren Gerüche, die verraten, wo wir sind. Die Mischung von defekten Gasleitungen und Fernheizungen, die anzeigt, dass wir durch eine Stadt fahren: Câmpia Turzii mit den Kabelwerken, Turda, die Zementstadt mit der in Hals und Lunge brennenden Luft. Dann nach gut drei Stunden endlich die landesüblich pompöse Ortstafel «Tîrgu Mureş», darunter auf einem Karton der ungarische Name der Stadt – vor zehn Tagen noch undenkbar. Da ich die Stadt von früheren Aufenthalten gut kenne, kann ich mich trotz der Dunkelheit recht gut orientieren. Auf der weiteren Fahrt zum Treffpunkt mit dem Dekan werden wir fünf Mal angehalten, immer von Männern, die beteuern, die verantwortlichen Koordinatoren der Stadt für die Verteilung der Hilfsgüter zu sein und die uns an einen von ihnen festgelegten Platz lotsen möchten. Wir treffen also auf das übliche Chaos in Nothilfesituationen. Menschen machen sich zu Verantwortlichen, teils sicher voll guten Willens, oft aber auch, um selber oder über befreundete Strukturen an die Güter der Nottransporte zu kommen, oder auch einfach, um das mit der Vermittlung von Nothilfegütern verbundene Prestige einzuheimsen. Gutwillige Aktionen oder schon die ersten Regungen der neuen Mafia? Erleichtert treffen wir dann endlich unsern Freund, wie immer in seiner schwarzen Kleidung unübersehbar als Geistlicher gekennzeichnet.

Er fährt mit seinem klapprigen Dacia, dem rumänischen Personenwagen, unsern Lastwagen voraus, zu einem grossen Parkplatz, der von der Frontul Na­tional Roman bewacht wird. Dieser eilends gegründeten Basisorganisation der «Revolution» gehörten ausser der Familie Ceauşescu und deren Freunde wohl die meisten Leute Rumäniens an. Wir wissen die Lastwagen mit ihren kostbaren Gütern bewacht und lassen uns mit Taxis zum Continental bringen. Das Hotel ist nicht wiederzuerkennen. Die repräsentative Eingangshalle, früher wie in allen Hotels Rumäniens bis auf ein paar Securitate-Leute in schwarzen Lederjacken leer, ist an diesem Abend gerammelt voll. Hilfstrupps aus verschiedenen Ländern diskutieren kreuz und quer, besprechen das am Tag Erlebte und versuchen, ihre Verteilaktionen zu planen. Das Ungarische dominiert so offensichtlich, dass ich mich in ein Gasthaus des westlichen Nachbarlandes versetzt fühle. Eigentlich hätte ich ein paar Polizisten oder Aktivistinnen der rumänischen Frontul National erwartet. Stattdessen kontrollieren und steuern junge Männer mit MDF-Armbinden das Geschehen – Magyar Demokrátikus Fórum, eine ungarische Reformpartei. Im Speisesaal, wo das Hotel auf Kosten des Staates allen Hilfstrupps ein Nachtessen mit gebratenen Kartoffeln, Schnitzel und |17| reichlich Bier serviert, sind ungarische Fahnen mit dem wiedereingeführten Kossuth-Lajos-Wappen8 unübersehbar. Kurz: Das Continental ist fest in ungarischen Händen.

Wem gehört die rumänische Revolution von 1989?

Die Situation ist unheimlich. Târgu Mureş ist eine Stadt im traditionell ungarischen Siedlungsgebiet Siebenbürgens, dem Szeklerland. Nach einer forcierten Besiedlungspolitik durch das kommunistische Rumänien wohnen in der Stadt um 1990 etwa gleich viele Menschen rumänischer wie ungarischer Muttersprache, ein Ort also mit einem nicht geringen Potenzial an nationalistischen Konflikten. Die Geschichte Siebenbürgens und mithin der Stadt trägt zu dieser Konfliktsituation bei: In Rumänien (mit einer Gesamtbevölkerung von gut 20 Millionen Menschen) lebten und leben neben der rumänischsprachigen Bevölkerung deutsche und manche andere Minderheiten, insbesondere auch Roma (je nach Schätzungen 1 bis 3 Millionen) und die seit dem Mittelalter in Siebenbürgen ansässigen und politisch dominierenden Ungarn (ca. 1,5 Millionen). Rumänien ist ein verhältnismässig junger Staat, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Erbmassen des kränkelnden Türkischen Sultanats entstanden und nach dem Ersten Weltkrieg durch Siebenbürgen, das zu Österreich-Ungarn gehörte, erweitert. Rumänien stand auf der «richtigen» Siegerseite, Österreich-Ungarn verlor mit Deutschland und der Türkei den Krieg und damit eben weite Gebiete. Was für Rumänien die Geburt des heutigen Rumäniens ist, bleibt für die Ungarn eine Tragödie: Der Verlust grosser Territorien mit ihrer ungarischen Bevölkerung. Die ungarische Marktstadt Târgu Mureş wurde im Vertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit ganz Siebenbürgen und Teilen der ungarischen Tiefebene Rumänien zugeteilt, ein Drama und Trauma der ungarischen Nation. 1940, also während des Zweiten Weltkrieges, wurden Gebiete Siebenbürgens, zu denen auch die Stadt Târgu Mureş gehörte, im sogenannten Zweiten Wiener Schiedsspruch Ungarn zurückgegeben. 1944 besetzte die Rote Armee das Gebiet und 1947 wurde die Region wieder Rumänien zugeteilt. Jede Neuzuteilung des Gebietes forderte neue Verfolgungen, Millionen von Flüchtlingen, Verletzungen, Opfer.

Die «Revolution» in Rumänien im Dezember 1989 wurde recht eigentlich ausgelöst durch den beherzten Kampf des reformierten ungarischsprachigen Pfarrers László Tőkés in Timişoara. Nach seinem tagelangen Kampf gegen die behördlichen Schikanen und die drohende Zwangsversetzung, unterstützt durch |18| die reformierte Kirchgemeinde und einen Teil der Bevölkerung, nach einem mutigen Widerstand gegen die mit brutaler Gewalt operierende Polizei und später durch das Militär in dieser westrumänischen Stadt sprang der Funke auch auf andere siebenbürgische Städte und schliesslich auch auf Bukarest über und löste den Sturz Ceauşescus aus. Wie sehr diese «Revolution» von einzelnen ungarischen Kreisen, insbesondere jenen der Diaspora, als eine ungarische Angelegenheit verstanden wurde, erlebte ich wenige Tage vor Weihnachten anlässlich eines Umzuges mit einem anschliessenden Fürbitte-Gottesdienst im Fraumünster in Zürich. Wir wollten unsere Solidarität mit der Bevölkerung Rumäniens und unsere Hoffnung auf eine Wende ohne Gewalt ausdrücken. In einem ungarischen Flaggenmeer war eine einzige rumänische Fahne zu sehen, etwas verlegen getragen von einem rumänischen Exilfürsten. Nur mit Mühe konnten wir verhindern, dass alle Flaggen in die Kirche getragen wurden.

Die Geschichte der Stadt und die Bilder der letzten Tage in Zürich sind mir ins Bewusstsein gegraben und bereiten mir schlaflose Stunden im Hotel Continental. Wird unsere Hilfe als Aktion zugunsten der ungarischen Minderheit verstanden? Wird sie so als Unterstützung einer Konfliktpartei interpretiert und würde sie mithin einen ethnischen Konflikt fördern? Bringen wir also Streit statt Hilfe? Die Problematik von Hilfe, die auch Schaden anrichten kann, hat in den letzten Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit und in der humanitären Hilfe zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Sie ist heute allgemein unter dem Namen «Do-no-harm-Problematik» bekannt: Jede Hilfe, auch Nothilfe, ist nur dann sinnvoll respektive überhaupt zu verantworten, wenn es keine nebenbei bewirkten Schäden gibt oder diese mindestens gering gehalten werden können.9 Zu solchen gehören immer wieder die durch einseitige Hilfe verursachten sozialen Spannungen. Nothilfe ist rasch verbraucht, Kollateralschäden wirken oft lange weiter.

Improvisierte Verteilung

In jener Nacht vom 28. Dezember steht uns kein Do-no-harm-Instrumentarium zur Verfügung. Wir müssen selber nachdenken und improvisieren. Anlässlich einer Teambesprechung am frühen Morgen mit unsern rumänischen Partnern beschliessen wir eine spektakuläre Aktion: Die ersten Güter, die wir |19| entladen, sollen möglichst öffentlich und demonstrativ der rumänischsprachigen Bevölkerung zugutekommen, aber selbstverständlich nicht nur. Den Behörden, auch wenn sie sich als Mitglieder der Frontul National kennzeichnen, misstrauen wir. So bleibt nur die Rumänische Orthodoxe Kirche – ein gewiss auch nicht über alle Zweifel erhabener Partner. Rasch wird mit den verantwortlichen Priestern der orthodoxen Kathedrale im Stadtzentrum verhandelt. Sie verpflichten sich schriftlich, die Güter allen Bedürftigen unabhängig von Konfession, Sprache oder Nationalität auszuhändigen. So fahren wir mitten am Vormittag mit unsern fünf Lastern mit Anhängern vor der Kathedrale auf. Der Zulauf von Zuschauern, dankbar für eine weitere spektakuläre Szene in diesen vibrierenden Tagen, aber auch das allgemeine Chaos sind beachtlich. Autos bleiben stecken und werden stehen gelassen. Die Fahrer reihen sich in die Menschenketten ein, in denen Paket um Paket von unsern Lastwagen weitergereicht wird, bis zum sichersten Platz in der Kathedrale, vor und hinter der Ikonostase. Ich sehe das Bild noch vor mir: Zwei mindestens 50 Meter lange Ketten von Männern und einigen robusten Frauen, interessierte Zuschauer, darunter auffallend viele Zigeuner-Frauen10 in bunten Röcken, eifrige Priester und der Delegierte des Schweizerischen Roten Kreuzes, der mit ernster Miene und grosser Sorgfalt jedes Paket mit Inhalt registriert. Die gewählte Strategie bewährt sich: Allen gegenteiligen Erfahrungen dieser Tage zum Trotz erleben Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt, dass durch den Schweizer Hilfstransport in einem ersten Schritt auch rumänischsprachige Menschen begünstigt werden. Nach dieser ersten spektakulären Aktion fahren wir weiter, je eine reformierte und katholische Kirche in Târgu Mureş, eine weitere in Sângeorgiu/Márosszentgyörgy, alle drei ungarischsprachig, werden auf gleiche Art versorgt.

Angesichts der vielen Hilfspakete könnte ich anstelle von «versorgt» auch «eingedeckt» schrei­ben, buchstäblich. Ich sehe sie noch vor mir, die Priester und Pfarrer, Kirchendienerinnen und Mesmer. Ihr Strahlen angesichts des materiellen Segens, der da in ihre Kirchen gebracht wurde, wich zunehmender Besorgnis. Mit einer solchen Menge hatten sie denn doch nicht gerechnet: Ikonostase und ein Teil der Kathedrale waren ebenso verstellt und verstopft wie die drei weiteren Kirchen. Um die Kirchen herum versammelten sich Menschen, die gerne sofort ihren Anteil bekommen hätten und die wohl bald schon zu einer |20| drohenden Menge werden konnten. Dazu die allgemeine Angst vor den Zigeunern, denen jeder Diebstahl zugetraut wurde – Vorurteile, die von aussen nur schwer zu verstehen waren. Unser Hilfstransport zeigte seine grösste Schwäche: Die grossen Mengen von Gütern stellten in Rumänien einen immensen Wert dar. Da sie auf nur fünf Grosslastern, teilweise mit Anhängern, verteilt waren, war die ganze Aktion ausserordentlich schwerfällig. Das Manövrieren der Kolonne war sehr schwierig, angesichts der rumänischen Strassen zuweilen unmöglich; Retourfahrten wurden zu fahrtechnischen Herausforderungen. An eine Feinverteilung war unter diesen Umständen gar nicht zu denken, dazu fehlten uns bewegliche Transportmittel. Am Ende mussten wir dankbar sein, dass die Kirchgemeinden mit ihrem Personal bereit waren, die Hilfsgüter nicht nur zu übernehmen, sondern auch deren Verteilung effizient und gerecht vertraglich zuzusichern. Auch ihnen standen keine Kleinlastwagen zur Verfügung, sie hatten nach Jahren des als Sozialstaat getarnten Mangellandes keinerlei Erfahrungen in diesem Geschäft, und sie konnten wohl kaum allen nun an sie herangetragenen Wünschen gerecht werden. Manche werden sich mehrfach bedient haben, andere, vor allem Schwache, Behinderte und Betagte, werden wohl überall zu spät und zu kurz gekommen sein. Und die Kirchgemeinden standen unter dem Verdacht, die wertvollen Hilfsgüter verkauft oder an die eigene Klientel verschenkt zu haben.

Die Sache mit den Gulaschbüchsen

Spezialisten in der Schweiz hatten die Güter während der Weihnachtstage ausgewählt und in die Lastwagen geladen: kratzige Wolldecken aus Armeebeständen und, wie bei jeder Katastrophe, Milchpulver, Kleider aller Art: Unterwäsche, Jacken, Mäntel, Hosen, Socken, Strümpfe, alles schön verpackt und beschriftet durch TexAid, und dann vor allem Lebensmittel, Tonnen von Konservendosen, Teigwaren, Süssigkeiten, Kaffee. Erschütternd war das allererste Palett, das vor der Kathedrale aus dem Lastwagen kam: ein halber Kubikmeter Büchsen mit ungarischer Gulaschsuppe. Aus Bischofszell. Ausgerechnet Gulasch, das in Ungarn als Gulyasleves und in Rumänen als Csorba eine weit verbreitete Mahlzeit war und ist. Ich wurde verlegen und nachdenklich: Gewiss, die rumänische Bevölkerung litt damals Mangel, die Armen auch Hunger. Aber dennoch: Gulasch nach Siebenbürgen, das konnte es ja wohl nicht sein! Ich empfand die Gulaschbüchsen als Demütigung; schämte mich. Und ich schwor mir, dass gleichsam als Kompensation alles unternommen werden sollte, damit so etwas gar nicht mehr infrage kommen könnte. Anstelle der Nothilfe müsste rasch und konsequent eine Aufbauhilfe im Bereich der Landwirtschaft treten. |21|

Der Schluss dieses Nothilfeeinsatzes ist schnell erzählt: Erleichtert – in jedem Sinn erleichtert – verlassen wir Târgu Mureş und fahren in tiefer Nacht an die ungarische Grenze zurück und weiter bis Budapest, wo ich die Kolonne verlasse, um bei einer befreundeten Organisation am zweitletzten Tag des Jahres 1989 meine Berichte über die Hilfsaktion zu schrei­ben, nachdenklich und skeptisch. Da erreicht mich ein Telefon aus der Schweiz; der Direktor des SRK kündet einen weiteren, noch grösseren Transport an, den ich zu leiten hätte. Das sei unumgänglich, meinte er. In der Schweiz herrsche eine eigenartige Hochstimmung, ein Hype würde man wohl heute sagen. Alle wollten Rumänien helfen, in den Medien würden entsprechende Aufrufe lanciert. Der neue Transport treffe bald in Budapest ein, Hilfswerke müssten da mitmachen, sonst drohe ein grösserer Imageschaden. Ich versuche die Situation zu erklären: Mit dem Sturz des Ceauşescu-Regimes seien die Lebensmittellager in Rumänien nun geöffnet worden, es ginge nichts mehr in den Export, niemand hungere. Das Land sei mit der Verteilung der Hilfe heillos überfordert und weitere Transporte würden nur noch mehr Chaos herbeiführen. Ich will Zeit gewinnen und verspreche zurückzurufen. Es gelingt mir, in der Nähe von Budapest ein vertrauenswürdiges Lager für die Hilfsgüter zu organisieren; man könnte die Lebensmittel, Wolldecken und Kleider dann bei Bedarf in Rumänien ausliefern, sei das in Wochen oder Monaten. Doch die Leute des Transports gehen auf die vorgeschlagene Lösung gar nicht ein. Und so fahren sie weiter nach Rumänien. Auch auf mehrmaliges Bitten hin weigere ich mich, dieses Unternehmen zu leiten oder auch nur zu begleiten. Ich habe Rumänien gesehen, die Lage der Bevölkerung erkannt. Schon der erste Transport ist vielleicht einer zu viel gewesen, ein zweiter scheint mir verantwortungslose Publicity auf Kosten der Menschen in Rumänien zu sein. Ich fliege in die Schweiz zurück und erfahre via Radio und Presse, was geschehen ist und weiter passiert. Die Lastwagen des neuerlichen Transportes kurven im ohnehin überlaufenen Westrumänien herum, begleitende Journalisten berichten grossmaulig und voll versteckter Verachtung über Rumänien und seine Menschen. Am Schluss erscheint in der Presse ein vielsagendes Foto: Eine Gruppe von Einheimischen – fast bin ich versucht zu schrei­ben: Eingeborenen – haben sich um ein wahlloses Berglein Hilfsgüter aufgestellt und hingekniet, hinten in der Mitte, links und rechts Schweizer Begleiter, «Helfer» und Journalisten. Das erinnert mich stark an ältere Fotos von Grosswildjägern mit stolzen Schützen und afrikanischen Helfern um das erlegte Wildtier. Gute Bilder trügen nicht.

Der gemeinsame Transport der Schweizer Hilfswerke Ende Dezember war ein handfestes Zeichen der Solidarität mit der rumänischen Bevölkerung; er wurde als solches auch verstanden. Vieles war, dank guter lokaler Kenntnisse, gelungen, manches war problematisch, schwierig oder schlicht falsch. Fehler sind wohl nie zu vermeiden, aber sie sollen, sobald sie erkannt oder nur erahnt |22| werden, benannt und in der Folge vermieden werden. HEKS hat sich nicht mehr an weiteren, weitgehend nutzlosen, aber öffentlichkeitswirksamen Gross­transporten beteiligt, sondern stattdessen Entwicklungsprogramme initiiert.

Vor 1989: Im Land des «Genies der Karpaten»

HEKS-Anfänge in Rumänien

1982, also fast acht Jahre vor dem Sturz Ceauşescus, begann meine Tätigkeit bei HEKS. Ein Schwerpunkt war von Anfang an die Weiterführung der schwierigen Beziehungen zu den Partnerkirchen in Rumänien. Ich kannte das Land nicht aus eigener Anschauung, und auch meine theoretischen Kenntnisse waren sehr bescheiden: ein ehemals reiches Land am Rande des Balkans, am Schwarzen Meer, wo man billig Strandferien machen konnte, ein Regime, das sich gegen die übermächtige Sowjetunion zur Wehr setzte, das zum Beispiel den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR 1969 nicht mitgemacht hatte. Ich hatte die naive Vorstellung einer Art «Diktatur light» – und fand eine eisenharte Herrschaft vor, geprägt durch den Diktator Ceauşescu, der sich im von ihm geförderten Personenkult gerne auch einmal als «Genie der Karpaten» bezeichnen liess.

Durch den ehemaligen Kommunikationsbeauftragten von HEKS, Marcel Pasche, wurde ich in meine Aufgabe eingeführt. Dieser hatte ein engagiertes Berufsleben hinter sich: Er war reformierter Pfarrer im von den deutschen Truppen besetzten Frankreich gewesen und hatte dabei Kontakte mit der Résistance und kritischen Wehrmachtskreisen gepflegt, wobei ihm wichtige Vermittlungen gelungen waren. Mit den wertvollen Berufserfahrungen übernahm er die Aufgaben bei HEKS, gegen Ende seiner Anstellung und in den ersten Jahren nach seiner Pensionierung kam der zusätzliche Auftrag dazu, die Rumänienhilfe zu organisieren. Diese war nach dem Erdbeben vom 4. März 1977, das Bukarest und die Südkarpaten betroffen hatte, nötig geworden. Eine eigentliche humanitäre Hilfe in diesem kommunistischen Land durch ein westliches und zudem kirchliches Hilfswerk war zwar nicht möglich, erlaubt wurde aber vorerst die Unterstützung der Kirchgemeinden beim Wiederaufbau der vom Erdbeben zerstörten kirchlichen Gebäude. Beschädigte Kapellen, Kirchen und Quartiere gab es viele in Bukarest – willkommener Anlass für den grössenwahnsinnigen Diktator, ganze Stadtteile abzureissen und neu systematisiert wieder aufzubauen. Schwer beschädigte Grossgebäude und insbesondere Kirchen gab es auch in den Südkarpaten, vor allem im Bezirk Covasna, einem traditionellen Siedlungsgebiet der ungarischsprachigen Szekler, die mehrheitlich der reformierten Kirche angehören |23|. Durch intensive Kontakte und Zusammenarbeit mit andern protestantischen Hilfswerken Europas konnten Dutzende von reformierten Kirchen wieder aufgebaut oder repariert werden. Was anfänglich offiziell erlaubt war (es durften sogar Baumaschinen eingeführt werden), wurde mehr und mehr erschwert, teils verboten und in die illegale Arbeit abgedrängt. Die Erfahrungen in Frankreich mit einem feindlichen Regime kamen Marcel Pasche dabei sehr zugute. Davon erzählte er mir anlässlich einer gemeinsamen Reise, bei der er mich den Partnern vorstellte.

Allgegenwärtige Securitate

Die erste Begegnung mit dem Land: Wir erreichen Bukarest im April 1983 mit dem Linienflug der Swissair. Schon am Zoll fällt mir auf, wie hemmungslos ein heimkehrender Rumäne vor mir, statt wie gefordert die Koffer zu öffnen, dem Zöllner zwei Schachteln Zigaretten zuschiebt. Als Westler kommen wir ungeprüft durch. Nach einem umständlichen Transfer zum Nordbahnhof und der Fahrt im ruckelnden und zuckelnden Zug über die Karpaten erreichen wir um Mitternacht Braşov, Kronstadt.

Weit hinten, gleichsam im Vorgelände des Bahnhofs, steigen wir auf dem Schotter der Geleise aus, keine Lampen. Mit schweren Koffern kämpfen wir uns zum Perron vor, wo wir von vier Männern in schwarzer Kleidung und mit ins Gesicht gedrückten Hüten empfangen werden, kurze Umarmungen und dann zum abgelegenen Parkplatz, wo ich mich leicht verwirrt hinten in einem Trabant verstaut wieder finde. Wir fahren durch die Dunkelheit zum reformierten Pfarrhaus im Vorort Sacele. Da endlich kann ich in die Gesichter der Leute schauen, die uns abgeholt haben: Der Theologieprofessor István Juhász, sein Sohn Péter, Pfarrer am Ort, dazu der reformierte Dekan von Braşov, Ferenc Antal, und sein Hilfspfarrer und zukünftiger Schwiegersohn Miklós Ménessy. Etwas belämmert von allen Eindrücken nehme ich nur unklar wahr, was hier mit uns geschieht. Die Vorhänge sind gezogen und – ganz wichtig – über dem Telefon liegt die obligate Bettdecke, das Ritual bei allen Besuchen in rumänischen Privathaushalten jener Zeit, denn Telefone wurden mit grosser Selbstverständlichkeit als Abhörinstrumente der Securitate verstanden. Die Gesichter meiner Gesprächspartner sind ernst, gezeichnet, gleichsam in permanenter Konspiration. Das Programm unserer vierzehntägigen Reise wird besprochen, Namen, Orte, Daten wirbeln durcheinander. Bis heute ist dieser erste düstere Eindruck haften geblieben: die Besorgnis unserer Partner um ihre Arbeit und Familien und vor allem um uns, ihre Gäste, die diffuse Angst vor der Securitate, vor dem Nachbarn, der Lehrerin. Man muss eine solche Nacht in Rumänien oder anderswo in Mittel- |24| und Osteuropa erlebt haben, um zu ermessen, welche Schäden und psychischen Störungen das Regime erzeugt hatte. Gegen drei Uhr morgens sind wir dann endlich im Hotel. Der damals neue Eindruck in der Hotelhalle wiederholt sich später immer wieder: Ein überdimensionierter Empfang in dunkelbraunem Sperrholz, schwere Plastikpolstermöbel, auf denen zu allen Tages- und Nachtzeiten junge Männer in Lederjacken scheinbar herumlümmeln, in Tat und Wahrheit aber für die Securitate den Betrieb überwachen, sich auch gegenseitig kontrollieren und nebenbei wohl etwas Schwarzhandel treiben. Was sich heute so leichthin schreibt, erzeugte Angst – immer war man beobachtet, immer wurde über einen rapportiert.

Ich machte mich immer ein wenig lustig über die verschiedenen Kontrollen. Angesichts des aus den Fugen geratenen Landes sei es ja kaum möglich, dass mit den so gesammelten Beobachtungen irgendetwas geschehen würde, diese landeten ohnehin im schwarzen Loch des rumänischen Chaos, so witzelte ich. 1986 bereiste ich im Spätwinter mit dem Bündner Pfarrer Hans Domenig und Tildy Hanhart, der Informationsbeauftragten von HEKS, Rumänien. Ziel war es, eine Tonbildschau über das gebeutelte Land zu produzieren.11 Als wir dann bei der Ausreise stundenlang auf dem Bukarester Flughafen vernommen und untersucht wurden, begann ich an dieser Fehleinschätzung der Securitate zu zweifeln. Die Polizei auf dem Flughafen war bestens informiert über unsere Reiseroute und auch über meine früheren Aufenthalte. Unser Gepäck wurde wieder aus dem Flugzeug geholt und untersucht. Jede Filmrolle, jedes Fetzchen Papier, selbst der Du-Monde-Reiseführer mit ein paar belanglosen Bemerkungen zur Kultur wurden konfisziert. Und nur nach unangenehmen Leibesvisitationen und aufgeregten Telefongesprächen wurden wir schliesslich mit unsern durchwühlten Gepäckstücken übers Rollfeld zum Flugzeug gebracht. Mit mehr als zwei Stunden Verspätung waren wir dann in Zürich. Die Geschichte fand ihre Fortsetzung: Während ich 1987 unbehelligt durchs Land und wieder zurück in die Schweiz reisen konnte, kam es 1988 in Cluj/Kolozsvár erneut zu einem Intermezzo mit der Securitate. Wir kamen, um uns etwas auszuruhen, am späteren Nachmittag zurück ins Hotel, wo mir beim Empfang ein paar junge Männer auffielen, die das unmittelbare Gefühl auslösten: Securitate, da geht’s um dich. Und wirklich, statt sofort den Zimmerschlüssel bekam ich die Aufforderung, um 19 Uhr im «Passbüro» zu sein zwecks Klärung einiger Fragen; ich würde abgeholt werden. Zur gegebenen Stunde wurde ich in rascher Fahrt an jenen Ort gebracht. Meine damaligen Begleiter Rosmarie Oetiker und Andreas Hess folgten uns mit einem Taxi. Nach kurzem Warten wurde ich in einen grossen Saal geführt; ganz hinten ein breiter Tisch mit ein paar Leuten und an der Wand |25| hinter ihnen das Porträt Ceauşescus, des Genies der Karpaten. In der Mitte ein geduckter Mann, mit unruhig bösen Augen und einem auffallenden Scheitel. Der Name war mir aus Gesprächen bekannt, und so begrüsste ich ihn als Herrn Ungvari, einen Mitarbeiter der Securitate in Cluj, zuständig für die Reformierten, Peiniger vieler meiner Freunde. Nach ein paar belanglosen Fragen übergab er mir einen Plastiksack mit diversen damals auf dem Bukarester Flughafen konfiszierten Dingen, ein paar Filmrollen, Bücher, mehr nicht. Das sei ein Zeichen guten Willens, und zeige, dass unsere Intervention auf der KSZE-Konferenz in Wien wegen des Bukaresters Zwischenfalls nicht nötig gewesen wäre. Ich stellte fest, dass das nicht alles sei, listete ein paar fehlende Dinge auf und verabschiedete mich. Die Schäbigkeit der Szene, die windigen Typen am Tisch mit ihrem Spiel um Einschüchterung, Macht und Angst wiesen auf die irrationale Unberechenbarkeit hin. Für mich eine halbe Stunde, während der Reisen ein paar Wochen – für die Menschen in Rumänien und eigentlich allerorts im Ostblock eine tägliche Erfahrung, jahraus und jahrein, skurril, irgendwie lächerlich und doch voll drohender Realität, Erniedrigung und Gefahr.

Trotz allem waren Hilfsaktionen möglich

Zurück zum ersten Abend in Rumänien: Ich lernte in jener Nacht nicht nur die rabenschwarze rumänische Realität kennen, ich machte, wie weiter oben bereits dargestellt, vor allem Bekanntschaft mit mutigen Vertretern der Kirche, mit einem kaltgestellten klugen Theologen, mit einem Ortspfarrer, einem Dekan und dessen Hilfsprediger, die mir in den kommenden Jahren zu lieben Freunden und verlässlichen Partnern wurden. Vier Männer, die wie viele Frauen und Männer Rumäniens zwar keine offene Rebellion machen konnten, die aber beharrlich und in grosser Treue zur Kirche und ihren Kirchgemeinden hielten und die so Widerstand an der Basis respektive von der Basis aus leisteten.12 Und wir planten die nächsten Tage. Mit unserm Mietauto besuchten wir ein paar der wiederaufgebauten Kirchen im Bezirk Covasna. Bisweilen wurden wir freundlich und offen, manchmal auch ängstlich empfangen. Denn über Besucher aus dem Westen |26| musste bei der Securitate Bericht erstattet werden. So zeigten wir, bevor wir zum Geschäftlichen kamen, immer Fotos unserer Familien, Stoff für die erwarteten «Berichte über ausländische Besucher», und wir ermutigten unsere Partner damals und in der Folge immer wieder, diese Berichte ruhig zu schrei­ben. Im Schutz unverfänglicher Themen lasse sich vielleicht manches geheim halten, so dachten wir. Ein paar wenige Kollegen aber blieben hart, berichteten nichts. Ich verrate doch keine Gäste, war ihre Haltung. Spätabends erreichten wir das Dörfchen Páké/Pachia: Die ganze Bevölkerung, mit Ausnahme des Dorfpolizisten und natürlich einiger Offizieller, hatte auf dem Dorfplatz vor der Kirche auf uns gewartet, viele in den traditionellen Szeklertrachten, manche mit Musikinstrumenten. Kurze Begrüssungen mit dem Dank für die Unterstützung beim Wiederaufbau der völlig zerstörten Kirche, etwas Pálinka (der ungarische Zwetschgenschnaps), Musik, Volkstänze und am Schluss die ungarische Hymne. Dies, obwohl der Pfarrer des Ortes am letzten Neujahrstag verhaftet und schwer verprügelt worden war wegen Singens eben dieses Liedes zum Jahreswechsel. Kraft und Wille zum «trotz allem» dampften in jener Frühlingsnacht.

Begegnungen, das lernte ich damals zum Nutzen bei vielen weiteren Reisen in Osteuropa, finden auf ganz verschiedenen Ebenen statt: Wir besuchten die offiziellen Bischofsämter der reformierten Kirche in Oradea und Cluj, besprachen mit ihnen ihre Sicht zur Lage der Kirche, nahmen ein paar Wünsche entgegen und planten auch Hilfsaktionen. Oft war das belanglos und diente lediglich dazu, den Besuch von uns als Delegationsreise gleichsam zu offizialisieren. Dass wir zum Beispiel im Bischofsamt beim Weggehen unter der Tür von Sekretär Gyula dann noch ein paar Bitten um Medikamente oder Baubeiträge erhielten oder dass mit einem Dekan ganz verschwiegen ein kleines Bauprojekt realisiert werden konnte, zeigte, wie viele Menschen an ihren Stellen in der Kirche irgendwie versuchten, Sinnvolles zu tun. Wir führten Gespräche in der Theologischen Fakultät, hörten von den für die kirchliche Entwicklung bedrohlichen Zugangsbeschränkung zum Theologiestudium: maximal zehn neue Studierende pro Jahr; Zahlen, die wir dann über den Schweizerischen EPD (Evangelischer Pressedienst) der westlichen Öffentlichkeit zugänglich machen konnten. Dazu Smalltalk mit dem Rektor und sogar ein wenig geglückter Versuch mit der Orthodox-Theologischen Fakultät in Cluj. Anderseits nahmen wir Bücherwünsche der Bibliothek des Institutes entgegen oder besuchten «nebenbei» den Finanzverwalter der illegalen Kollegenhilfe, der mit HEKS-Mitteln dissidente Pfarrer, Witwen oder Familien von Kollegen im Gefängnis regelmässig unterstützte. Wir lieferten unsere Dollars ab und konnten das Kassabuch, tief im grossen Mehlsack versteckt, kontrollieren. Die Begegnungen mit den vielen Pfarrerinnen und Pfarrern in Not waren wichtig für die in jenen Jahren in Rumänien zu einem guten Teil illegale Zusammenarbeit mit reformierten |27| Gemeinden. Die Besuche bei Kirchenleitungen der verschiedenen Konfessionen und die wenigen mit ihnen realisierten Hilfsprojekte gaben gleichsam einen Schutz für solche Aktivitäten. Das in der Schweiz zu vermitteln, war nicht immer einfach, standen wir doch oft unter dem Verdacht, mit den angepassten Kirchenleitungen gemeinsame Sache zu machen. Wie viel schwerer muss das für die Bevölkerung Rumäniens gewesen sein: vordergründig musste man sich da oder dort anpassen, immer galt es abzuschätzen, ob Widerstand sinnvoll oder eher nutzlos oder gar eitel sei. Wem konnte man wie vertrauen? Das Leben auf ganz verschiedenen Ebenen kannte ich kaum in meinem bisherigen Leben. Ich lernte in diesen Jahren viel zum Thema Ehrlichkeit und heiliger Verschlagenheit.

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