Helmut Fischer

Gemeinsames Abendmahl?

Zum Abendmahlsverständnis der großen Konfessionen

Inhaltsverzeichnis

Zur Einleitung

Alle Kirchen berufen sich auf die Bibel

I Die Mahlgemeinschaften Jesu als seine Botschaften

Die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft

Die Botschaft vom Heil für die Sünder

II Die Mahlgemeinschaften der frühchristlichen Gemeinden

Das Mahl als Symbol der Gemeinschaft

Die Anfänge nach der Apostelgeschichte

Die Liebesmahle nach der Apostellehre

Die Fußwaschung nach dem Johannesevangelium

Die Entwicklung zum Sakrament

III Das gegenwärtige Abendmahlsverständnis der großen Konfessionen

Das Eucharistieverständnis der römisch-katholischen Kirche

Das Eucharistieverständnis der orthodoxen Kirchen

Das Abendmahlsverständnis der Kirchen der Reformation

Zitierte Literatur

|7| Zur Einleitung

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2005 in Hannover stand unter dem Motto: »Wenn Dein Kind dich morgen fragt …«. Das ist ein fruchtbares Motto – weit über den Kirchentag hinaus, denn die Fragen der Kinder führen meistens geradewegs zum Kern der Dinge.

Kinder fragen unbefangen und sie fragen oft auch bohrend nach Dingen, nach denen wir Erwachsenen kaum noch fragen, weil wir die Antworten schon zu wissen meinen oder weil wir die Dinge so hinnehmen, wie sie sind. Kinderfragen können deshalb ganz schön nerven.

Stellen wir uns vor, Tante Maria sei zum 10. Geburtstag ihres evangelischen Patenkindes zu Besuch gekommen. Die Patentante ist katholisch, sie ist aber zum evangelischen Gottesdienst mitgegangen, weil sie einmal eine Pfarrerin erleben wollte. Das Gespräch auf dem Weg nach Hause könnte sich so abgespielt haben:

Kind: »Mutti, was habt ihr denn da vorn gemacht? Ihr habt etwas zu essen und zu trinken bekommen.«

Mutter: »Wir haben das Abendmahl gefeiert.«

Kind: »Ihr habt ein Abendmahl gefeiert? Aber es ist doch erst Vormittag. Weshalb feiert man am Vormittag ein Abendmahl?«

Mutter: »Heißt halt so! Man kann auch Herrenmahl sagen.«

Tante Maria: »Oder Eucharistie.«

Kind: »Weshalb feiert man denn ein Abendmahl?«

Mutter: »Weil es Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat. Das hat die Pfarrerin ja gesagt.«

Kind: »Und warum hat Tante Maria nicht mitgefeiert?«

|8| Tante Maria: »Weil ich das evangelische Abendmahl nicht mitfeiern darf.«

Kind: »Aber wenn doch Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat, das Abendmahl gemeinsam zu feiern, warum darf dann Tante Maria hier nicht mitfeiern?«

Mutter: »Das ist halt so.«

Kind: »Mutti, was feiert ihr denn überhaupt beim Abendmahl?«

Jetzt werden sie dem Kind erzählen, was sie vom Abendmahl ihrer Kirche wissen. Das wird bei Katholiken, Protestanten oder Orthodoxen unterschiedlich sein. Das Kind wird noch fragen, woher man das alles weiß. Tante Maria wird auf die Kirche verweisen, und sie werden vielleicht hinzufügen, dass das alles in der Bibel steht. Beide haben auf ihre Weise recht.

Papst Johannes Paul II. hat mit dem Apostolischen Schreiben »Mane vobiscum domine« (MVD) von 2004 das »Jahr der Eucharistie 2004/2005« ausgerufen. In diesem Jahr sollte das Eucharistieverständnis der römisch-katholischen Kirche vertieft werden. »Das Hochfest Fronleichnam mit seinen traditionellen Prozessionen soll in diesem Jahr mit besonderer Inbrunst begangen werden« (MVD 18) und auch »auf den Straßen« dieses Eucharistieverständnis öffentlich machen. Kardinal Lehmann, der damalige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, schätzte die Gesprächslage in Deutschland sehr nüchtern ein, als er erklärte: »Für das ökumenische Gespräch kann das Jahr der Eucharistie schmerzlich sein, weil gewisse Differenzen erscheinen werden, die bisher nur in Expertenkreisen behandelt worden sind.« (Materialdienst 4/05, 72) Diesen schmerzlichen Prozess der Klärungen werden wir uns freilich nicht ersparen dürfen, wenn wir eine Ökumene |9| wollen, die nicht im Verschwommenen gründet, sondern eine realistische Basis hat. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind vorbei, in denen sich Katholiken und Protestanten auf dem besten und schnellen Weg zu kirchlicher Einheit und einem gemeinsamen Abendmahl sahen. Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, stellt jetzt in einem Interview fest: »Realistischerweise muss … von einer Ernüchterung gesprochen werden.« (FAZ 16.9.2008) Chancen sieht er in einen sachlichen Dialog: »Jeder Dialog setzt Partner mit eigenem Profil und eigener Identität voraus. Mit einer Schummelökumene und mit einem Wischiwaschi-Christentum ist niemandem gedient.« (ebenda) Repräsentanten der evangelischen Kirchen mahnen in gleicher Weise zum nüchternen Dialog. Manfred Kock, Altpräses der evangelischen Kirche im Rheinland, sagt: »Nur wer sich seiner eigenen Identität bewusst ist und seine Wahrheitseinsicht klar zu beschreiben weiß, kann sich auf die Suche nach gemeinsamer Wahrheit begeben. … Fortschritte im Dialog wird es nur geben, wenn sowohl die erreichte Nähe als auch die einstweiligen bleibenden Unterschiede genau wahrgenommen werden. Die Zukunft des ökumenischen Gesprächs setzt voraus, den Themen nicht auszuweichen, in denen sich die Konfessionen unterscheiden« (Zeitzeichen,Dezember 2008, 21). Der Dialog zwischen den Konfessionen sollte allerdings nicht nur unter offiziellen Kirchenvertretern stattfinden, sondern im ökumenischen Zusammenleben der Gemeinden auf breiter Ebene geführt werden. Dazu möchte diese kleine Schrift Impulse geben und ermutigen.

Und jetzt wollen wir es genauer wissen. Nicht nur, weil ein Kind uns schon morgen fragen könnte, sondern weil es für viele ein Ärgernis ist, dass Katholiken und Protestanten |10| am Abendmahl nicht gemeinsam teilnehmen können. Warum ist das so? Muss das so sein? Lässt sich da nichts ändern? Werden wir in absehbarer Zeit das Abendmahl gemeinsam feiern können?

Leseempfehlung

Falls Sie einen schnellen Überblick über den gegenwärtigen Stand des Abendmahlsverständnisses in den großen Konfessionen suchen, so beginnen Sie mit Kapitel III. Wer freilich erfahren will wie es zu den heutigen Abendmahlsverständnissen gekommen ist, der lese hier weiter.

Alle Kirchen berufen sich auf die Bibel

Alle christlichen Kirchen sind davon überzeugt, dass das Abendmahl in eben der Form von Jesus gestiftet worden sei, wie es in der eigenen Kirche gelehrt und praktiziert wird. Das aber geschieht bekanntlich sehr unterschiedlich. Wie kann das sein, wenn sich doch alle Kirchen auf die gleiche Bibel berufen?

Die biblischen Schriften sind kein Lehrbuch ewiger Wahrheiten, in dem man nachschlagen kann, was richtig und was falsch ist. Sie enthalten vielmehr Glaubenszeugnisse unterschiedlicher Menschen. Die Texte dieser Verfasser dokumentieren, wie man in einer bestimmten Zeit, innerhalb einer bestimmten Kultur und in einer bestimmten Region seinem Glauben Ausdruck gab und wie Christen gelebt und ihr Gemeinschaftsleben organisiert haben.

Aus welcher Zeit stammen diese Zeugnisse? Wir wissen, dass Jesus am Vorabend des jüdischen Passafestes des Jahres 30 getötet worden ist. Die ältesten neutestamentlichen Schriften sind die echten Briefe des Apostels Paulus |11| (1Thess, Gal, Phil, Phlm, 1/2Kor, Röm). Sie wurden zwischen 50 und 56 geschrieben, also bis zu zweieinhalb Jahrzehnte nach Jesu Tod. Das älteste Evangelium – das Markusevangelium – wurde um 70 verfasst, Matthäus und Markus schrieben zwischen 80 und 100, Johannes wohl erst nach 100. Das bedeutet, dass diese Schriften jenes Glaubensbewusstsein und jene gottesdienstliche Praxis widerspiegeln, die fünfundzwanzig oder vierzig oder siebzig Jahre nach Jesu Tod in jener Region herrschten, in der die jewielige Schrift entstanden ist. Das konnte in Palästina, Syrien, Kleinasien oder Griechenland sehr unterschiedlich sein, und es war bei Christen, die aus dem Judentum kamen, wieder anders als bei Menschen, die vor ihrer Bekehrung heidnischen Kulten anhingen.

Bei allem, was wir in der Bibel lesen, haben wir daher zu bedenken, von wem, in welchem kulturellen Umfeld, an wen und zu welcher Zeit ein Text geschrieben wurde. Wir haben es also nicht mit ewigen Wahrheiten, sondern mit Momentaufnahmen von einzelnen Gläubigen zu tun. Die protestantische und die katholische Bibelwissenschaft können uns helfen, die für unser Thema »Abendmahl« wichtigen Momentaufnahmen situationsgerecht und angemessen zu verstehen. Auf diese Hilfe werden wir immer wieder zurückgreifen, damit wir nicht der Gefahr erliegen, in die biblischen Texte jene Gedanken hineinzulesen, die uns aus unserem jeweiligen (konfessionell geprägten) Abendmahlsverständnis geläufig sind. Spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit einem halben Jahrhundert, sind die protestantische und die katholische Bibelwissenschaft zu einer fruchtbaren Forschungsgemeinschaft zusammengewachsen, in der konfessionelle Unterschiede nur noch eine geringe Rolle spielen.

|13| I Die Mahlgemeinschaften Jesu als seine Botschaften

Die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft

Wenn wir vom (letzten) Abendmahl Jesu sprechen und damit die letzte Mahlgemeinschaft besonders hervorheben, so ist dem zu entnehmen, dass Mahlgemeinschaften für Jesus offenbar auch vorher eine besondere Bedeutung hatten. Das bestätigen sogar Jesu Gegner, die ihn mit dem asketischen Bußprediger Johannes dem Täufer vergleichen. Sie sagen: Johannes hat nicht gegessen und nicht getrunken. Dieser Jesus aber tut das reichlich, sogar in der Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern. Er ist ein »Fresser und Säufer« (Mt 11,19).

Das letzte Mahl Jesu, von dem sich unser gottesdienstliches Abendmahl herleitet, steht offenbar in einer langen Reihe von Mahlzeiten, die Jesus mit unterschiedlichen Menschen gefeiert oder zu denen er selbst eingeladen hat. Ein Blick auf diese Mahlzeiten wird uns verstehen helfen, in welchem Deutungshorizont das letzte Abendmahl zu sehen ist.

Da ist zunächst die Geschichte von der wunderbaren Speisung der fünftausend. Sie steht im Markusevangelium direkt hinter der Geschichte von Johannes dem Täufer, den die Bibel als strengen Asketen schildert. Der Kontrast zu Johannes wird damit auffallend deutlich betont. Die Geschichte von der wunderbaren Speisung wird in den Evangelien in sechs verschiedenen Versionen überliefert. Das zeigt, wie wichtig man ihre Botschaft nahm. So unterschiedlich diese sechs Versionen im Detail auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie erzählen, wie Menschen, die sich |14|